top of page

Geschwindigkeit und unser Wohlbefinden

Gehen, und die damit verbundene Geschwindigkeit von ungefähr 4 km/h, ist die ursprünglichste Fortbewegungsform für den Menschen. Heute sind wir allerdings nur noch selten mit dieser Geschwindigkeit unterwegs - entweder wir sitzen an Ort und Stelle, oder wir fahren oder fliegen mit diversen Fortbewegungsmitteln von A nach B. Da stellen sich mir mehrere Fragen: Wie beeinflusst eine höhere Reise- bzw. Lebensgeschwindigkeit unser Wohlbefinden? Und: Ist das Unterwegssein mit 4 km/h in einer schnellen Welt zu einem Luxusgut geworden?



Pyrenäen
Pyrenäen

Wir leben in einem Zeitalter von stetig zunehmender Geschwindigkeit. Unsere Reisegeschwindigkeit hat sich in den vergangenen 200 Jahren verhundertfacht, die Geschwindigkeit unserer Kommunikation ist durch Telefon, SMS und E-Mail millionenfach gestiegen. Damit geht unweigerlich eine allgemeine Beschleunigung des Lebenstempos einher und wir ertappen uns immer öfter bei Sätzen wie „Mir läuft die Zeit davon“, „Ich habe keine Zeit“ oder „Das geht sich nicht aus“. Wir versuchen, immer mehr Dinge in der gleichen Zeit zu erledigen und erleben und haben das irreführende Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Doch die Zeit ist seit ihrem Anbeginn dieselbe. Wir haben nicht mehr oder weniger Zeit, sondern leben in einer Welt, in der schneller, höher, weiter – mehr, mehr, mehr – Erfolg bedeutet und Ansehen bringt. Doch diese Art von Leben zieht zu schnell an uns vorbei, und wir fühlen uns unzufrieden, unausgeglichen. Durch eine Abhängigkeit von Erledigungen und Erlebnissen stellt sich eine Machtlosigkeit ein, auch Hamsterrad genannt, in dem das Gespür über die eigenen, wahren Bedürfnisse verloren geht.


"Ganz egal wie schnell wir werden, das Verhältnis der (...) gemachten Erfahrungen und denjenigen, die wir verpasst haben, wird (...) konstant kleiner". (Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, 2013)


Wie kann einer Machtlosigkeit und Gefühlslosigkeit entgegengewirkt werden?


Tempo rausnehmen - Lautstärke reduzieren - Gefühle zulassen



Rennsteig, Thüringer Wald

Aber, das war doch nicht immer alles so schnell, oder?


Nein. Tatsächlich beginnt die Erhöhung unseres Lebenstempos mit der Industriellen Revolution. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Eisenbahnen gebaut und in Betrieb genommen. Dieser Moment sollte das Raum - Zeit Verständnis des Menschen nachhaltig verändern.


Schon bei Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnen machten von Unwissenheit getriebene Mythen die Runde. Eine solche erhöhte Geschwindigkeit könnte zu Kreislaufzusammenbrüchen, stecken bleibenden Augen, verschobenen Organen und Atemversagen führen. Auch die Sorge um den Verlust von Sitten und Ordnung wurde größer, denn durch die Eisenbahn würde sich die Gesellschaft zu schnell verändern, was zu einem unsteten Lebenswandel und dem Verlust traditioneller Werte führt. Der englische Dichter Thomas Carlyle schrieb 1829 sinngemäß, dass „Geschwindigkeit nicht gleich Fortschritt sei“ – ein Ausdruck der Skepsis gegenüber dem „neuen Tempo“ der Welt. Wohlgemerkt - all diese Sorgen bei durchschnittlichen 30km/h.


Heute schmunzeln wir über die damaligen Sorgen und setzen uns nahezu sorgenlos in Autos, Züge und Flugzeuge, die uns mit mehreren hundert km/h von A nach B befördern. Ich sage nahezu sorgenlos, denn es gibt durchaus große, reale Sorgen, die wir uns bei unserer heutigen Mobilität machen sollten: Klimabelastung, Verkehrstote und soziale Benachteiligung sind nur einzelne, aber schwerwiegende Probleme in diesem Feld. Doch die damaligen Sorgen um Körper und Geist konnten durch Erfahrung widerlegt werden.


Mit dem Wissen über diese Entwicklung ist es in Folge keine Überraschung, dass das Wandern wie wir es heute kennen - nämlich als zweckfreie, gemächliche Freizeitaktivität - gleichzeitig mit der Industriellen Revolution entstand. Was in der Vormoderne als normal gilt, wird zunehmend zu einer wohltuenden Besonderheit. (Florian Werner, Auf Wanderschaft - Ein Streifzug durch Natur und Sprache, 2019) Das Gehen ist Ausgleich. Das Gehen gleicht Körper und Geist einander an. So vermutet der dänische Philosoph Sören Kierkegaard - dem ich in diesem Punkt nur zustimmen kann - der menschliche Geist funktioniere am besten bei einer Geschwindigkeit von vier bis fünf Stundenkilometern.



Pyrenäen
Pyrenäen

Wie gut es tut nicht nur den Körper, sondern auch den Geist durch zu-Fuß-gehen anzuregen, ist keine neue Idee. Schon im alten Griechenland hat eine der bekanntesten Personen der damaligen Zeit die Macht des Gehens erkannt. Aristoteles, einer der einflussreichsten Philosophen prägte unsere heutigen Vorstellungen von Philosophie über Logik bis hin zu Naturwissenschaften. Er hatte eine sehr spezielle Beziehung zur Lehre im Gehen, die mit seiner berühmten Schule, dem "Lykeion" (auch "Peripatetische Schule" genannt), eng verbunden ist. Der Begriff "peripathetisch" stammt vom Griechischen Wort "peripathos", was so viel wie "Spaziergang" oder "Umgang" bedeutet. Ein - damals wie heute - unorthodoxer Lehransatz.


Die Wahl des Gehens um zu Lehren hatte für Aristoteles mehrere gute Gründe: Das Gehen soll den "Fluss des Denkens" anregen, Kreativität fördern, die Konzentration und Aufmerksamkeit fördern. Die Lehre im Gehen führe außerdem dazu dass die philosophischen Diskussionen ungezwungener ablaufen und Schüler ihre Gedanken und Gefühle besser in Worte fassen können.


Auch wenn diese Art des Lehrens damals wie heute ungewöhnlich ist, findet man interessanterweise heutzutage ähnliche Konzepte, bei denen Spaziergänge oder körperliche Bewegung als Teil von Lern- und Kreativprozessen eingesetzt werden. Die Spaziergangphilosophie oder das sogenannte Walking Thinking wird heute von verschiedenen Denkschulen als produktiver Denkprozess anerkannt.



Island
Island

"Wir alle haben dieselben 24 Stunden"


Diesen Satz hat in der heutigen Zeit wohl jeder schonmal gehört wenn es um Produktivität und/oder persönliche Entwicklung geht.


Theoretisch - Ja.

Praktisch - Nein.


Ich wage zu behaupten, dass kein einziger von uns dieselben 24 Stunden hat. Auf den ersten Blick mag diese Aussage einleuchtend klingen, denn wir alle haben täglich genau 24 Stunden Zeit zur Verfügung. Doch wie bei vielen allzu plakativen Aussagen muss unter die Oberfläche geblickt werden. Entscheidend ist nicht wie viele Stunden wir alle theoretisch täglich füllen können, sondern wie wir sie füllen. Wie wir unsere 24 Stunden füllen ist wiederum direkt zusammenhängend mit den Verantwortungen, die wir in unserem Leben tragen.


Lebe ich in einer Partnerschaft?

Habe ich einen Arbeitsplatz, der mir viel abverlangt?

Bin ich selbstständig?

Habe ich Kinder?

Betreue ich einen pflegebedürftigen Menschen?

Engagiere ich mich ehrenamtlich?



Dazu kommt ein unsichtbarer Druck in dieser Welt permanent nach "der besten Version" von sich selbst zu streben. Neben dem sonst schon schnellen, vollgepackten Alltag, soll noch eine Morgenroutine mit 17 Schritten, jede Woche perfektes Meal prep, jederzeit perfekt geputztes Haus und am besten sollten die 100km am Fahrrad schon vor dem Frühstück erledigt sein. Wo hat da das Spüren der eigenen Bedürfnisse Platz?



Fischerweg, Portugal
Fischerweg, Portugal

Dieser krasse Geschwindigkeitsunterschied zwischen den Welten spüre ich besonders stark, wenn ich von meinen langen Weitwanderungen nach Hause komme. Der Umstieg von täglichen 4km/h auf die hektische Geschwindigkeit in Wien ist jedes Mal aufs neue eine Herausforderung für mich. Nach wochenlangen Bedürfnisorientierten Routinen fühle ich mich in den ersten Wochen Zuhause immer stark fremdbestimmt und als würde mich die Stadt total aus meinem Rhythmus schmeißen. Erst nach einigen Wochen fühle ich mich wieder angekommen in der schnellen Welt, die mit Deadlines, Terminen und ständigem erreichbar sein funktioniert.




Viele Gedanken und der Versuch alles ein bisschen zu strukturieren.

Was sagst du dazu? Teile deine Gedanken gerne in den Kommentaren.

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page